Dienstag, 10. April 2018

Vorwärts geht anders

Heute morgen bin ich viel zu früh von Kalle geweckt worden. Im Laufe der Nacht war er zu mir ins Bett gekrochen, jetzt war er wach und damit hatte der Rest der Welt das gefälligst auch zu sein. "Mama? Mamaaaaa?" Ich zählte innerlich bis zwei und sagte dann "Nicht. Aufwecken. Du sollst mich nicht aufwecken. Vor allem nicht, wenn ich schlafe. Psssst." oder so. Und dann geschah das Wunder: er krabbelte aus dem Bett, tapste auf nackten Füßen zwei Etagen tiefer, krabbelte zu der inzwischen lustig vor sich hin brabbelnden Klara ins Bett und fing an, seine kleine Schwester zu bespaßen. Kurze Zeit danach kam dann noch Michel dazu. Und dann saßen die drei noch eine halbe Stunde lang in dem kleinen Gitterbett und hatten es nett. Und ich lag da oben und hätte fast geheult vor Dankbarkeit, dass es sie tatsächlich gibt, diese magischen Momente, von denen alle immer schwärmen. Es fühlte sich an wie eine Mischung aus schönstem Tränenkino und ausschlafen und Silvester, und dann waren die 30 Minuten vorbei, und ich bin aufgestanden, und es war 6:30. Aber immerhin!

So ein fauler Morgen macht bereit für neue Taten. Stammtisch! Diesmal haben ziemlich viele auf die vorsichtige Anfrage reagiert, und ich würde vorschlagen, wir peilen mal einen der Donnerstage in näherer Zukunft an. Am 19. bin ich vielleicht schon verabredet, aber wie wäre der 26.4.? Der 3.5.? Oder der 10.5.? Weil wir beim letzten Stammtisch plötzlich zu achtzehnt waren und damit für viele nette Kneipen zu viele, würde ich diesmal sicherheitshalber gleich das Abaton Bistro vorschlagen. Vorteile: Große Tische, sie nehmen Reservierungen an, das Essen ist lecker und wer uns dann alle plötzlich doch doof findet, kann den Abend retten, indem er ins Kino geht. Bitte sagt mal Piep bezüglich der Termine, wenn Ihr Interesse habt!

Und dann habe ich leider noch zu vermelden, dass mein neuer Tatendrang in anderer Hinsicht diesmal ins Leere läuft. Eigentlich sollte ich am 2. Mai wieder an meinen alten Schreibtisch zurückkehren. Eigentlich hatte ich mich wie Bolle darauf gefreut. Und eigentlich war das fest abgemacht. Gestern habe ich nun erfahren, dass daraus leider nichts wird. Und nun sitze ich hier und muss mich wieder mal fragen, was ich in nächster Zeit so anfange mit meinem Leben zwischen den Kindern. Ein anderer Job als Werbefifi? (den ich erst mal finden muss, diese Branche - ekliges Wort, aber mach was - hat nicht gerade gewartet auf eine 45jährige Mutti mit drei kleinen Kindern und massiver Selbstvermarktungshemmung, egal wie viele Pokale sie im Schrank hat.) Erst mal arbeitslos und dann weiter sehen? (etwas Borstiges und schlecht Gelauntes in mir sträubt sich dagegen, und zwar mit Macht.) Endlich das verdammte Buch schreiben und dann auf einen dieser fetten Buchdeals hoffen, die es in Wirklichkeit nicht gibt? (Tja.) Oder etwas ganz anderes? Kellnern? Berufsbloggen? Lotto? Edelprostituierte? (Wie edel genau kann es werden mit den Schwangerschaftsjeans, die ich immer noch nicht weggeschmissen habe, und vier Wochen altem Nagellack an den Füßen?) Ich schwimme gerade ein bisschen, aber wir hören ja immer wieder, dass Schwimmen gut für's Bindegewebe, für die Kondition und überhaupt für so ziemlich alles ist.

Montag, 5. März 2018

Mal nichts mit Zigaretten, Alkohol und Lauf-App.

Die Mütter mit den SUVs. Die Mütter mit einer ganzen Handtasche voller Kekse und Salzbrezeln und Reiswaffeln. Die Mütter, die sich immer so doll kümmern. Die Mütter, die sich eigentlich gar nicht kümmern. Die Mütter, die ihre Kinder Sebastian Konstantin nennen. Die Mütter, die ihre Kinder Marcel Keanu nennen. Die Mütter, die beim Kita-Kinderabend ständig reden. Die, die immer am Klettergerüst stehen und unbedingt verhindern müssen, dass ihr Kind 50 cm tief in eine Sandkiste fällt.

Ja. Und was genau ist mit denen?

Ich habe in den letzten Wochen viel nachgedacht. (Fragt mich nicht, wann genau jetzt.) Und ich bin zu einem ziemlich späten Neujahrsvorsatz gekommen: zur Abwechslung will ich mal aufhören, innerlich und äußerlich dauernd die anderen runterzuputzen, rumzukritteln und doof zu finden. Stattdessen soll in meinem übermüdeten Hirn ab sofort Milde walten: ich will mir in diesen Fällen einfach denken, die haben auch ihren Stress und ihre Schlaflosigkeit und ihre Sinnkrisen und ihre Ehekräche. Die wissen auch einfach nicht, wie es geht, und versuchen, es trotzdem irgendwie hinzukriegen. Genau wie ich, und wenn mir das nicht so viel Angst machen würde, dann käme ich vermutlich gar nicht auf die Idee, mir hier ständig andere zu suchen, die ich mir selbst als jedenfalls noch unfähiger als mich verkaufen kann, womit ich dann wieder etwas besser vor mir selbst dastehe. Die haben auch ihren Teil von der Grippewelle oder irgend einer Kitapest mitgekriegt. Und keiner weiß, was andere Kinder ihren Müttern alles so um die Ohren hauen, wie die letzte Nacht war und was der kleine Sonnenschein gerade mit ihrer vor Kurzem noch großen Liebe macht. Darum will ich die ab sofort in Ruhe lassen, ihnen freundlich zunicken, und wenn sie daraufhin die Straßenseite wechseln, einfach denken, siehste? Die musste jetzt eben plötzlich woanders hin.

Bin ich gespannt, wie das wird.

Montag, 19. Februar 2018

Lebenszeichen

Je mehr Vorsätze ich fasse, desto schlimmer wird es. Hier der Beweis: ich traue mich kaum noch nachzurechnen, wie lange der letzte Post her ist, und nun läuft es schon wieder auf einen großen Rundumschlag hinaus. Mal sehen, wie weit ich damit komme, das Baby ratzt jedenfalls und Kalle und Michel sind in der Kita.

1. Das Haus.
Eigentlich hatte ich mich jahrzehntelang als fröhliches, grundoptimistisches Mädchen eingeschätzt, aber seit einiger Zeit ist das Glas nicht nur immer halb leer, sondern hat auch metallic-farbene Lippenstiftspuren am Rand und ist sowieso nicht kalt genug. Mal schiebe ich es auf das Alter, mal auf den Schlafentzug, mal auf die Viren und mal auf die weltpolitische Lage. Insofern ist es kein Wunder, dass ich vier Wochen nach dem Umzug erst mal sehe, was alles noch nicht so ist, wie es sein soll: es hängt noch kein Bild, es sind immer noch ein paar hartnäckige Kartons hier und da, in einigen der Zimmer stehen die Möbel herum wie vom Laster gefallen ohne Sinn und Ziel, und über den Keller will ich gar nicht sprechen. Davon abgesehen fühlen wir uns alle hier sehr wohl. Es ist schön, die Kinder trampeln und rennen und kreischen lassen zu können, weil unsere Nerven die einzigen sind, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Es ist auch schön, den Tag mit voll aufgerissener Lieblingsmucke beginnen und beenden zu können. Und das Haus verlassen zu können ohne Sorge, entweder den Meckerpötten von unten oder der irren vertrockneten Ollen von oben zu begegnen, die diese nervtötenden Angewohnheit hatte, einem im Vorbeigehen irgend eine Anschuldigung an den Kopf zu werfen und dann zeternd wegzulaufen, ohne sich die Antwort anzuhören. Und das Haus ist wirklich, wirklich schön, da kann all unsere Unordnung und selbst der Ausfall von zwei Putzfrauen kurz hintereinander nichts dran rütteln. Und die vielen Stufen sorgen dafür, dass hier zu wohnen einem täglichen einstündigen Bauch-Beine-Po-Kurs gleichkommt. Manchmal sitze ich mit einem Buch und einer Tasse Tee auf einer der Treppen und kann nicht fassen, dass ich hier leben darf. Jetzt müssen die Jungs sich nur noch mit ein paar der anderen Kinder anfreunden, die ich immer in Schneeanzügen an unserem Küchenfenster vorbeizischen sehe, dann sind wir wirklich angekommen. Zumal ich gerade wieder auftauche aus zwei Wochen Grippehölle und voller Tatendrang bin, in der einen Hand das Frosch Badspray, in der anderen die Bohrmaschine, zwischen den Zähnen ein paar Dübel.

2. Die Kinder.
Meine Mutter hatte früher einen kleinen Bilderrahmen im Regal stehen, darin war ein aus der Zeitung ausgeschnittenes Gedicht. Das Ganze war ein Geschenk von einer etwas seltsamen Freundin gewesen. In dem Gedicht ging es darum, dass eine Mutter sich gefälligst nicht beklagen soll über Lärm, Stress, nervende Hausarbeit usw., denn früh genug würden die Kinder groß, und dann wäre es auch wieder nicht richtig. Ich hab es als Kind oft gelesen, ohne mich so recht damit anfreunden zu können, einfach weil es dastand. Und heute ist mir das auch noch eher fremd, dieses Wegbürsten von mütterlicher Not und das Drohen damit, dass es einem hinterher leid täte. Gerade brechen hier die letzten Wochen mit Klara vor der Kitazeit an, und ich habe sie so gern, dass ich manchmal kurz vorm Durchdrehen bin, und ich genieße die Zeit mit ihr auch nach Kräften, aber nein, ich kann nicht sagen, dass mich beim Gedanken daran eine namenlose Melancholie packt. Demnächst kommt sie in die Schneckengruppe, da wird sie liebevoll betreut und trifft andere kleine Schnecken, es gibt neue Bauklötze zu belutschen, das wird toll! Und ich fange wieder an zu arbeiten. Und dann lernt sie laufen und dann sprechen, und dann ist er irgendwann da: der Moment, in dem ich tatsächlich alle drei Kinder spielen lassen kann und selbst in einem anderen Zimmer bin und andere Dinge mache ohne Angst, dass sich gleich jemand das Genick bricht oder eine Murmel verschluckt. Kein Lemming mehr in der Familie, yay! Darüber können andere wehmütige Gedichte schreiben, wenn sie wollen.

3. Das Buch.
Hört bloß auf.

4. Der Stammtisch.
Als ich das letzte Mal davon angefangen hatte, haben sich (glaube ich) zwei versprengte Damen gemeldet, die Interesse hatten. Heute frage ich noch mal: wer wäre gerne dabei? Ich brauche noch so ca. zwei Wochen Schonzeit, bis die Grippe wirklich aus den Knochen ist, aber dann wäre ich wieder mal dabei, wenn wir uns auf einen langen Abend treffen und über Hormone, Kinder und die Abwesenheit von Kindern schwadronieren. Sagt doch mal?

Und da meldet sich der Lemming wieder. Ich sag jetzt nicht bis bald, sonst dauert das wieder sechs Wochen, ok?

Mittwoch, 3. Januar 2018

Mit einem Zeh im Grab.

Ab und zu komme ich morgens vom Kita-Gang zurück und erzähle L. gleich als Erstes, dass heute der Papa XY wieder da war, der nicht mehr so schnell die Treppe runter- wie hochkommt. Oder der mit dem Fiffi. Oder irgendwas dergleichen, das den Zweck erfüllen soll, den es schon lange nicht mehr erfüllt: den Eindruck erwecken, wir würden in unserer Kita zu den jungen Eltern gehören. Bzw. stimmt das auch nicht so ganz, ich glaube manchmal tatsächlich, dass wir guter Durchschnitt sind. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist guter Durchschnitt in einer Harvestehuder Kita trotzdem richtig, richtig alt.

Hier einige Alarmsignale:

Ab und zu wachsen borstige Freak-Haare aus meinem Kinn. Ich bin auf der Hut und erwische sie meistens, bevor sie länger als zwei Millimeter werden, und dann geht es im Stechschritt ins Bad, wo ich sie erst vergeblich mit einer Pinzette ausrupfen will, nicht erwische und dann doch das Epilierdings nehme. Aber eines Tages, da bin ich sicher, geht mir eins davon durch die Lappen, und dann habe ich plötzlich ein drei Zentimeter langes Borstenhaar am Kinn wie meine Oma am Ende.

Könnt Ihr Euch an den Kinofilm “About Schmitt” mit Jack Nicholson erinnern und die Szene mit den Adern am Knöchel? Diese Adern, also die habe ich auch.

Ich verwende inzwischen im Gesicht kaum noch ein Kosmetikum, das nicht irgendwas mit “Repair”, “Hyaluron” oder “Regeneration” im Namen hat: eine Armee von dermatologischen Trümmerfrauen.

Früher war der Unterschied zwischen Make-Up oder nicht der Unterschied zwischen Superdiscoglam und normal-okayem Alltag. Jetzt ist es der Unterschied zwischen normal-okayem Alltag und einem wirklich miesem Tag.

Diese komischen roten Flecken, die überall am Körper auftauchen. Mein Dermatologe nennt sie Blutschwämmchen, und dieses Wort würde ich gerne meiner persönlichen Liste ekliger Wörter hinzufügen, wo schon Wörter wie Mutterkuchen, Nabelschnur und Geschwulst zu finden sind.

Ich treffe manchmal Leute auf der Straße, die ich kenne, und ich weiß überhaupt nicht, woher. Bist du ein Kita-Papa? Hatten wir mal ein daneben gegangenes Blind Date? Saßen wir mal am gleichen Konferenzraumtisch? Waren wir mal Nachbarn? Oder spielst Du nur in einer Fernsehserie mit, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe? Ich bin froh, wenn die unbekannten Bekanntschaften Frauen sind, damit sind schon mal eine Menge Optionen raus.

Wenn ich auch nur ein klitzekleines Bisschen Alkohol zu viel trinke, habe ich einen im Vergleich zum körperlichen Kater monströsen, monströs ungerechten und kaum zu überstehenden moralischen Kater.

Beim Aufstehen, Hinlegen, Baby Hinlegen oder Aufheben und überhaupt bei jeder wichtigen Bewegung mache ich jetzt Geräusche.

Ich komme mit gelegentlichen Flüppchen einfach nicht mehr davon.

Ich bin der Meinung, das ist doch keine Musik mehr (und das ist doch kein Fernsehprogramm mehr, Kinderfernsehen war früher viiiiel besser, und was hat dieser Typ bitte im Feuilleton verloren?!?) (Wobei ich trotz alledem noch nie CDU gewählt habe. Immerhin.)

Wann wird er wohl kommen, der Tag, an dem Außenstehende nicht mehr sicher sind, ob meine Kinder meine Kinder oder meine Enkel sind?

Freitag, 29. Dezember 2017

Ein dickes Dankeschön geht heute an den hervorragend funktionierenden Nachsendeservice der Post.

In unserem winzigen Kellerraum stehen immer noch zwei nicht ausgepackte Umzugskartons. Was darin ist? Keine Ahnung, es fehlt jedenfalls kaum im Alltag, trotzdem werde ich vermutlich eines Tages, wenn ich sie öffne und L. das alles so wie es ist auf den Recyclinghof fahren will, laut protestieren. “Aber das hat meiner Uroma gehört!” “Aber das hab ich damals mit Micha auf dem Flohmarkt gekauft!” “Aber das ist schon acht mal mit mir umgezogen, das bleibt!” Wie auch immer, in den vergangenen 28 Monaten in unserer Wohnung habe ich nicht die Zeit gefunden, die Dinger einmal nach oben zu schleppen, durchzusehen und den Inhalt in Schatz und Schrott aufzuteilen. Und jetzt werde ich es auch vermutlich nicht mehr tun, denn: wir ziehen schon wieder um.
Ja, ungefähr so, wie Du jetzt guckst, fühle ich mich dabei auch manchmal. Schließlich hänge ich an dieser Wohnung, vor allem aber an dieser Straße, die schon immer eine meiner Lieblingsstraßen in dieser Stadt war. Nirgendwo sonst ist es gleichzeitig so städtisch und so romantisch, nirgendwo sonst hat man die besten Käse, Fische, Früchte und Gewürze der Welt so dermaßen vor der Haustür, nirgendwo sonst ist die Aussicht aus wirklich jedem Fenster so besonders, und dann kommen noch die Dinge dazu, die wir hier erlebt haben und erleben: hier saß L. auf dem Sofa, als ich mit der Nachricht vom Arzt kam, dass Klärchen unterwegs ist. Hier bin ich vor ein paar Monaten mit dickem Bauch in einer Winternacht ins Taxi gesprungen und drei Tage später (leider mit immer noch genau so dickem Bauch, wie mein Vater kritisch feststellte) an einem sonnigen Frühlingstag mit Baby zurück gekommen. Hier rennt Kalle Sonntagmorgens im Schlafanzug eine Treppe höher, klingelt bei seinem besten Kumpel Jonathan, und dann laufen sie den ganzen Tag zwischen den Wohnungen hin und her und versuchen, dem Tag so viel Superhelden-Quatsch, Burgenbauen, Brausebonbons und Jim-Knopf-gucken wie möglich abzuringen. Hier laufen überall auf der Straße diese großartigen alten Damen herum, ein bisschen fast wie auf der Upper East Side: knapp über 40 Kilo wiegende Schabracken, wobei Make-Up und Schmuck alleine ein Kilo ausmachen, die seit vielen Jahren ihren ganz eigenen Style aus Schmetterlingsbrille, Pelzstola und Schottenkarohandtasche kultivieren und dafür in meinen Augen einen Orden verdienen, nur dass so eine Jeans-und-Pulli-Mutti wie ich in wiederum ihren Augen natürlich keinerlei Recht hat, sich negativ oder positiv über ihre Aufmachung zu äußern. Recht haben sie! Dann stehen die vor mir bei Fisch Schmidt und kaufen 50 Gramm Krabbensalat, und ich stehe hinter ihnen und vibriere fast vor lauter Gutfinden, und jetzt ziehe ich demnächst in eine Gegend, in der die Jeans-und-Pulli-Fraktion deutlich anwächst, auch wenn wir nur zwei Straßen weiter wohnen werden.

Ach, das alles hier wird mir schon fehlen. Das alte Fabrikgebäude, das man aus dem Schlafzimmerfenster sieht. Die Wasserhühnchen und Enten und Gänse mit ihren Jungen im Frühjahr. Die Kanufahrer, die Wasserschutzpolizei, der Markt, Fisch Schmidt, der teure Kiosk, der so ungefähr die gleichen Öffnungszeiten wie Edeka ein paar Meter weiter hat und in dem ich trotzdem ständig war, der engste Budni der Stadt und die netten Nachbarn, die Bahn vorm Fenster und der Ausblick in die Küche der alten Dame, die einmal pro Woche für fremde Menschen großartige Menüs zaubert, und alles für den guten Zweck.

Aber jetzt ziehen wir in ein Haus, und das wird irgendwie immer schöner. Zwar ist der Garten winzig, aber direkt um die Ecke ist ein Park, in dem angeblich alle Kinder aus dem kleinen Viertel ständig zusammen spielen. Jedes Kind bekommt ein eigenes Zimmer, wenn auch ein kleines, und wir haben endlich keine Nachbarn mehr, denen wir auf dem Kopf rumtrampeln. Ich freue mich auf ein neues Viertel, endlich wieder einen Dönermann und einen ganz normalen Gemüsemann in Laufentfernung, auf neue Nachtgeräusche und neue Alltagsentdeckungen, darauf, wie sich der neue Supermarkt genau so schnell und gründlich in meine Gehirnwindungen frisst wie der alte, auf die Nachbarn und ihre zahlreichen Kinder (wie wir ganz schnell an den unzähligen Laufrädern in der Garage und den Tripptrapps in Küchenfenstern erkannt haben), auf jetzt etwas weniger spontane, aber genau so schöne Wochenendbesuche von Jonathan mit Übernachtung und Waffeln zum Frühstück, auf einen immer noch freien Tiefgaragenstellplatz, auf den ich mir vielleicht, wenn wieder etwas mehr als nur das Elterngeld in die Kasse kommt, irgendwann ein schönes altes Lieblingsauto stelle, vor allem aber auf ein Haus: etwas, das für mich schon immer irgendwie mehr war als eine Wohnung. Auf eine Einweihungsparty mit “Our House” bis zum Anschlag, darauf, all die bestimmt sehr netten Nachbarn kennen zu lernen, darauf, überhaupt all das Neue kennen zu lernen. Und der Markt, die trotzigen alten Damen und Fisch Schmidt sind eigentlich immer noch direkt um die Ecke.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Sagt mal Pilz.

Eure Unterhose schmilzt! Haha! Hahahaaaaaa!

Das haben wir vor 40 Jahren gemacht, das machen sie immer noch, meine Jungs zumindest. Eine kleine Micky Maus zog sich mal die Hosen aus, zog sie wieder an und du bist dran. Ist das nicht schön? Ich finde schon.

Vor ein paar Tagen habe ich ca. zwanzig Minuten mit dem Gedankenexperiment “Wenn die Autoren von ‘Meine Freundin Conni’ Game of Thrones zu Ende schreiben müssten” zugebracht und es dann wegen maulsperrenverursachender Langeweile gelassen. Für alle ohne Kinder und daher ohne Conni: Conni ist ein kleines Mädchen mit gestreiftem Pulli und Jeans (insofern sind wir uns sehr ähnlich) und Heldin von gefühlt 4.237 Geschichten in Buch, Film und Hörspiel, die so ziemlich alles erlebt, was Kindern so widerfahren kann. Sie geht zum Zahnarzt, macht das Seepferdchen, zieht um, verreist, hat Schnupfen usw. In all diesen Geschichten passiert sonst nichts weiter. Die Geschichte “Conni geht zum Turnen” handelt davon, dass Conni zum Turnen geht. In “Conni geht nicht mit Fremden mit” geht Conni nicht mit Fremden mit. Das ist an sich nicht weiter schlimm, aber was mir fürchterlich auf die Nerven geht, ist Connis Mutter. Eigentlich, aber das habe ich erst irgendwann aus einem Nebensatz herausgelesen, ist sie Ärztin. Vor allem aber kocht, gärtnert und putzt sie bester Laune und bringt Conni zu ihren 180 Freizeitaktivitäten. Davon abgesehen ist sie der geduldigste, ausgeglichenste und humorloseste Mensch, den ich kenne. Egal, welche Laune Conni in den blonden Kopf schießt: ihre Mama ist dabei. Conni will reiten, schwimmen lernen, turnen, Musikunterricht nehmen, eine Katze haben oder zum Ballett: darf sie, Mama bringt sie hin und ist voller Anerkennung für Connis Erfolge dort (Misserfolge gibt es nicht, Conni kann das immer alles ganz, ganz toll). Wenn Conni heimlich mit ihrem Freund Simon Pizza backen will und die Küche in eine Wolke aus Mehl hüllt, dann kommt ihre Mutter rein und sagt “Na, was ist denn hier los?” ungefähr in dem Tonfall, in dem ich sagen würde “Blumen und Fritten? Für mich?” Als Connis Eltern ein Haus kaufen wollen und Conni bockig ist, sagt Connis Mama, dass sie selbstverständlich kein Haus kaufen werden, mit dem Conni nicht einverstanden ist. “Ihr Vollidioten, Nein Nein Nein!!!” habe ich noch gedacht, als ich das erste Mal mit den Jungs davor saß. Inzwischen denke ich gar nichts mehr und hoffe, dass das Conni-Alter bald endet. Wer ist diese Frau? Gibt es sie wirklich? Wer ist ihr Therapeut? Welchen Wein oder Schnaps kauft sie bevorzugt? A propos: einige Conni-Folgen, die wir trotz aller Vielfalt niemals sehen werden, sind z.B. “Connis Mama hat einen Kater, schon wieder”, “Connis Eltern lassen sich wahrscheinlich scheiden, vielleicht aber auch nicht” oder auch “Connis Papa schließt sich stundenlang im Bad ein”.

Je mehr ich von Conni und ihrer Mutter sehe, desto mehr freue ich mich über Willi Wiberg. Willi lebt bei seinem Vater, der ab und zu wirklich und wahrhaftig lieber die Zeitung liest, als mit Willi zu spielen. Der nicht zu jeder Gemütsregung von Willi eine verständnisvolle Predigt vorbereitet hat. Und der trotzdem ganz klar ein guter, liebevoller Papa ist.

Weihnachten! Da war doch was. Ja, ich weiß, Weihnachtsgrüße haben anders auszusehen als so, sie starten nicht mit einem mehr als zwanzigzeiligen Rant über eine Kinderbuchheldin. Aber dieses Jahr hat mich Weihnachten ausnahmsweise nicht nur überfordert, sondern auch schwer genervt, und ich habe mich wie ein tapferer kleiner Bulldozer mit einer abgesprungenen Kette und einem Ölleck irgendwie durchgewühlt. Dazu bestimmt bald mehr (ich merke gerade, dass erstaunlich viel Platz in diesem Blog davon aufgefressen wird, spätere Posts zu versprechen).

p.s. übrigens ist das Gedankenexperiment "Wenn die Autoren des Traumschiffs Game of Thrones zu Ende schreiben müssten" viel Erfolg versprechender.

Mittwoch, 1. November 2017

Stars in der Manege

Heute ist etwas ganz Besonderes passiert, und dass es so besonders war, ist mir erst ein paar Minuten später aufgegangen. Ich habe mit Klärchen im Kinderwagen auf einen Aufzug gewartet. Bei diesem Aufzug weist ein Schild ausdrücklich darauf hin, dass Rollstuhlfahrer und Kinderwagen Vorrang haben. Außerdem muss man wissen, dass dieser Aufzug einer der langsamsten der Stadt ist. Ich habe manchmal schon zehn Minuten mit dem Warten auf diesen Aufzug verbracht. Auch heute dauerte es. Ungefähr eine Minute nach mir stellte sich eine Familie mit zwei Jungs im Kindergartenalter dazu. Und dann geschah das Besondere: die Mutter nahm ihre Kinder beiseite, hockte sich ganz dicht zu ihnen und flüsterte ihnen dann so zu, dass ich es kaum verstehen konnte, wenn jetzt gleich der Aufzug käme, dann müssten sie unbedingt warten, bis ich mit Wagen drin wäre, und erst dann dürften sie einsteigen. Sie sollten nicht drängeln, nicht schieben und schön leise sein. Denn ich sei zuerst da gewesen, und ich hätte einen Kinderwagen mit einem schlafenden Baby dabei.

Dann kam der Aufzug, sie haben ein bisschen gedrängelt, aber wirklich nur ein bisschen, und mit einem Griff an die Schulter haben sie sofort damit aufgehört und haben mir noch einen schüchternen Blick zugeworfen.

Das Besondere daran war, dass die Frau geflüstert hat, und zwar nicht laut geflüstert - dieses Flüstern, das meterweit trägt - sondern tatsächlich nicht wollte, dass ich das höre. Und das ist wirklich ungewöhnlich. Denn in letzter Zeit habe ich manchmal den Eindruck, 70-99% der Erziehungsversuche in meiner Nähe passieren nicht den Kindern zuliebe, sondern für die mehr oder weniger zufällig anwesenden Erwachsenen. Ob die Mutti vor mir ihren Kindern in der Supermarktschlange mit tragender Stimme ausführlichst und pädagogisch lehrbuchmäßig erklärt, wieso es jetzt keine Süßigkeiten gibt, ob es darum geht, wie die Hausschuhe in der Kita weggeräumt werden müssen oder um sozialverträgliches Verhalten im Sandkasten: wir hören zu, und plötzlich sind wir Punktrichter, ohne uns jemals für diesen Job beworben zu haben. Dabei scheint es so zu sein, dass es die echten Top-Noten in dieser Erziehungs-Saison vor allem für Strenge gibt. Immer liebevoll, klar - aber eher zu den strengeren Eltern zu gehören, ist schon erstrebenswert. Strukturen, Regeln, klare Kante: guckt mich an, ich mache es richtig. Und ich will hier gar nicht groß dazu schreiben, was ich davon halte, ich bin mir da nämlich selbst nicht immer so sicher, aber sehr sicher bin ich mir, dass Show-Strenge für Publikum zwar menschlich verständlich, aber trotzdem daneben ist. Schief geht es außerdem. Wie soll Mariechen (die sonst zuhause so ziemlich alles essen oder verschmähen darf, was sie will) das auch raffen, wenn jetzt hier im Supermarkt Mama auf einmal anfängt, irgendwas von Gemüse und alle essen zusammen zu erzählen? Sie versteht die Welt nicht mehr, und mir ginge es genau so. Au Backe, die anderen Kita-Eltern dürfen bloß niemals merken, dass unser Kind fernsehen darf, Süßigkeiten isst, manchmal mit Papas Iphone spielt und Superhelden-Schlafanzüge von H&M trägt, die in Bangladesch hergestellt wurden. Wie stehen wir sonst da? Ich hab das übrigens auch schon gemacht. Trist ist das, und ich schäme mich auch ein wenig, aber ich hab's getan.

Montag, 30. Oktober 2017

Ich kann meine Füße wieder sehen. Und sie sehen nicht gut aus.

Der typische Lebenszyklus einer Diät läuft bei mir ungefähr so:
1. Abwehr.
Diät? Ich doch nicht! Sollen sich andere den Stoffwechsel und die Laune versauen, mir schmeckt es eben, und das soll auch schön so bleiben. Marilyn Monroe hatte Größe 42! Oder jedenfalls irgend etwas mit einer 4 vorne. Ich kann ja bei Gelegenheit, sobald der Beckenboden wieder mitmacht, mal wieder laufen gehen. Nur zum Spaß natürlich! Aus Freude an der Bewegung!

2. Erste Risse in der Verteidigung.
Ob Marilyn Monroe auch drei Kilo Hefeteig oberhalb ihrer Jeans hatte, wenn sie in der Umkleidekabine stand? (Ach was, vermutlich ist einfach die Hose zu eng.) Und die ganz große Liebe ist das mit mir und dem Essen im Moment auch nicht. Immer ist der Kühlschrank voll, und dann hab ich nicht richtig Lust drauf und es muss halt weg. Essen und ich scheinen eine Beziehungskrise zu haben. Meine Jeans und ich auch. Und der Beckenboden lacht mir frech ins pausbäckige Gesicht, wenn ich ihm mit Laufen komme.

3. Traumstart.
Irgendwer (Shaw?) hat mal gesagt, nichts ist so motivierend wie die ersten vier Stunden einer Diät. Egal welcher! Erstmal fühlt sich das neue Regime an wie ein Neustart in ein besseres Leben. Ach was, ein besseres Ich! Denn jetzt gerade, zehn Minuten nach dem Startschuss (bzw. dem Biss in einen stahlharten Apfel) kann ich überhaupt nicht mehr verstehen, was mich jemals an einem Teller Carbonara gereizt hat. Man braucht doch keine Tafel Schokolade und keine Pizza, das ist alles nur im Kopf! Was ich in den nächsten Wochen lernen werde, ist eine ganz neue Achtsamkeit. Darauf hören, was mein Körper wirklich will, statt ihn mit Kartoffelpuffern und Schweinebraten zu bewerfen. Und genau das werde ich als angenehmen Seiteneffekt lernen, wenn ich mich jetzt an die extrem simple und trotzdem in einem 300seitigen Buch erklärte Diät XY halte. Hach! Schon jetzt leuchten die Farben irgendwie mehr, die Luft ist reiner, und ich fühle mich um 30 IQ-Punkte schlauer!

4. Harte Landung.
Ich kann mich auch täuschen, aber mein Körper will Schokolade, Pizza, Kartoffelpuffer und Schweinebraten. Je tiefer und achtsamer ich in mich hineinhorche, desto deutlicher wird das. Und der Kühlschrank ist jetzt sogar noch voller und wird es wohl auch bleiben, denn wer hat bitteschön Lust, all diesen Quatsch zu essen: Babyspinat? Misopaste? Asiatische Glibbernudeln? Putenbrust? Staudensellerie? Harzer Käse? Wie soll ich denn so an den Rohmilchbrie kommen?

5. Geordneter Rückzug.
Ich googele jetzt mal "XY-Diät Kritik". Nur so! Man soll auch immer die andere Seite sehen. Warte mal. Aha... Hmmhmmm... wenig effizient... Jojo-Effekt... Hungerstoffwechsel... nicht nachweisbar... evtl. gesundheitsschädlich... Das ist ja ein schöner Mist! Da hätte ich ja jetzt beinahe meine Gesundheit riskiert! Puh, Puh, Puh. Immer wieder kriegen sie uns ran, diese... diese Industrie! Mit uns können sie's ja machen! Aber nicht mit mir. Ich schmier mir jetzt ein schönes Vollkornbrot mit Pflaumenmus. Vollkorn ist gesund! Und nachher esse ich Schweinebraten. Ich kann ja mal wieder laufen gehen, wenn der Beckenboden wieder mitmacht.

Und dann ein paar Monate später alles wieder von vorne.


So lief das bisher jedes Mal bei mir, auch wenn ich nicht behaupten kann, wirklich alles ausprobiert zu haben. (Atkins z.B. hatte ich noch nie. FdH auch nicht.) Aber jetzt mache ich seit inzwischen vier Wochen wieder 5:2, mir geht's sehr gut, vier Kilo sind runter, und ich habe jetzt fast drei Prozent Körperfett ab- und zwei Prozent Muskelmasse aufgebaut, und zwar ohne Sport abgesehen von einigen strammen Spaziergängen. Heute ist einer der 2 Fastentage mit nur 500 Kalorien, und während ich anfangs immer Angst hatte, gerade dieser Tag wäre zu hart und völlig ungeeignet dafür, lege ich inzwischen morgens einfach los, und es geht wirklich gut. Heute z.B. habe ich meinen Jungs schon Pfannkuchen gebacken ohne Durchzudrehen und Halloween-Süßigkeiten im großen Stil gekauft - alles kein Problem. Ich hab schon mal extrem ausführlich davon geschwärmt, und zwar hier, und ich will mich nicht wiederholen. Außerdem will ich in diesem Blog nicht mehr Raum als nötig an Diäten verwenden - aber wenn, also wenn hier eine der Meinung ist, sie würde gerne ein paar Kilo verlieren, dann kann ich das hier nur empfehlen. Es ist nämlich einfach, funktioniert (zumindest bei mir), treibt mir nicht die Lebensfreude aus, steigert im Gegenteil den Spaß am Essen an den fünf normalen Tagen, ist angeblich sogar gesund, kostet nix und lässt sich so ziemlich mit allen Lebensumständen vereinbaren. Es nimmt, mit anderen Worten, so gut wie keinen Raum in meinem Leben ein und läuft ganz selbstverständlich so mit. Neben Schweinebraten, Pizza und all dem anderen.

Freitag, 27. Oktober 2017

Ich persönlich fänd's gut, wenn ein Buch über Kinderwunschbehandlungen mal die Bestsellerlisten anführen würde.

Gerade ist hier wieder mal Effi-Mama am Ruder, das heißt, ich bin in einem wahren Rausch der Effizienz. Umsatzsteuererklärung, Kitagutscheinverlängerung, Kekse backen, Briefe beantworten, Zeitschriftenabos kündigen, Schubladen ausmisten, Bügelkiste leer bügeln, Gesundheitsbaustellen begehen: Zack-Zack-Zack! Entsprechend ist heute mal der Blog dran mit einer Reihe von Themen, die ich längst gebloggt haben wollte. Los geht's mit Thema Nr.1:

Liebe Abkürzungsdamen, wieder mal hat eine von uns ein Buch über diese seltsame, nervenzerfetzende, niemals langweilige und dann doch wieder unfassbar langwierige Kinderwunschzeit geschrieben. Hier findet Ihr ihr Buch. Ich habe es noch nicht geschafft, es ganz durchzulesen, aber was ich gelesen habe, hat mir sehr gefallen und Euch hoffentlich auch! Herzlichen Glückwunsch, liebe Ann A. Niem, zu diesem zweiten Baby (mit dem ersten hat es, wie ich herausgelesen habe, dann noch vorher geklappt). Ich hoffe, es entwickelt sich prächtig und macht Mutti viel Freude!

Und nun schreit das Prachtbaby schon wieder. So viel Energie! Sagenhaft. Daher klappe ich den Rechner erst mal zu und stürze mich später wieder in meinen Erledigungsmarathon.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Das alte Lied von den dicken Onkeln und den dünnen Nerven

Ich hatte eine Bekannte mit unfassbarem Selbstvertrauen. Job, Sport, Erziehung, Bildung, Kochen, Aussehen, Stil, egal was: sie hatte es drauf. Anfangs dachte ich, die kann was! Dann dachte ich irgendwann, na ja, die einen sagen so, die anderen sagen so, jedenfalls ist sie sehr nett, das ist ja die Hauptsache. Dann kam die Phase, als mir aufging, dass ich die meiste Zeit in ihrer Gegenwart dachte, was redet die denn da? Ist das ihr Ernst? Das hat sie gerade nicht ernsthaft gesagt, oder? Und auch wenn bei mir manches etwas länger braucht als bei anderen, leuchtete mir irgendwann ein, dass das keine Basis für eine Freundschaft ist: der eine mit riesigen Sprechblasen, die praktisch jedes Kästchen im Comic komplett ausfüllen, und der andere immer mit dieser Denkblase mit der kleinen Spirale und dem Smiley ohne Mund.

Sie hatte unter anderem die Eigenart, imaginäre Interviews zu geben, und das geht so: man bummelt die Straße entlang und redet gerade über etwas ganz anderes, den Hund, Weihnachten, was auch immer, und sie sagt plötzlich "Weißt du, mein Trick ist, alles ganz einfach. Das Leben ist zu kurz für Ewigkeiten im Bad, sag ich immer! Nicht mehr jeden Tag Reinigung, Tonic, Tagespflege, Sonnenschutz, Primer, Concealer - nein, eine Creme für morgens und abends, Sonnencreme praktisch überhaupt nicht mehr, Make-Up habe ich beschlossen, nicht nötig zu haben, und ich kaufe nur noch Naturkosmetik. So einfach, haha! Und das Beste ist, es funktioniert!"

Als hätte ich gefragt. Als hätte ich gesagt "Du musst mir unbedingt mal verraten, wie dieser Bomben-Teint zustande kommt!" Oder "42 Jahre - und einfach nur Wow. Wie machst du das?" Als würden wir zusammen auf einer Couch im Studio einer Promisendung sitzen.

Davon hätte ich gerne etwas ab. Nur ein bisschen! Vielleicht so viel, wie sie im dicken Zeh hat. Und dann würden die Dinge hier mal ins Rollen kommen. Dann würde ich mich angesichts anstehender Entscheidungen nicht bis zum Bandscheibenvorfall winden. Dann würde mir der Wiedereinstieg in den Job nicht in erster Linie Angst machen. Dann wäre ich stolz wie Bolle darauf, so kurz hintereinander drei Kinder bekommen zu haben (und das, obwohl wir alle nur zu gut wissen müssten, dass das absolut nichts mit irgend einer Art von Verdienst meinerseits zu tun hat - egal: ich wäre stolz.) Ich würde mit meinem Doppelkinderwagen wie ein Schneepflug über den Bürgersteig heran donnern, und alle würden gerade noch so zur Seite springen, aber ich würde mich niemals entschuldigen. Dann wäre mir total egal, ob die anderen Damen in der Kita das mit der Erziehung und den Elternpflichten und dem einzig richtigen Weg so ganz anders sehen als ich, ich wäre eben ich und die wären die. Dann würde ich entweder eine Diät machen und mich bei niemandem dafür rechtfertigen oder meinen Bauch und das Hüftgold behalten und jedem die Zunge rausstrecken, der mich abschätzig anguckt. Vielleicht würde ich extra was Bauchfreies anziehen, nur um zu beweisen, wie unfassbar gut ich auch mit verwohntem Drei-Baby-Bauch aussehe! Ein Statement-Bauch. Dann hätte ich auf einen Schlag ungefähr 30 Themen, über die ich aus dem Stand posten könnte, und ich würde darauf pfeifen, was die Leute dazu sagen würden, die in diesen 30 Posts vorkommen würden, ob sie wollten oder nicht. Dann wäre das verdammte Buch vermutlich inzwischen fertig. Dann müsste ich jetzt nicht schon wieder aufhören zu posten, weil nachher die Putzfrau kommt und ich hier aufräumen will (auch aus der - eingebildeten oder echten? - Erfahrung, dass Putzfrauen jeden Respekt verlieren, wenn man nicht auch ohne sie ordentlich ist, und dann putzen sie nicht mehr gründlich, und man wirft ihnen sein bisschen Geld für nix in den Rachen. Alles schon passiert! Ich sag ja nur) denn ich würde denken, pah! So ist das eben, wenn man Kinder hat, da muss sie nun durch. (Und weil es mir bisher noch nicht gelungen ist, das Selbstbewusstsein aus dem dicken Onkel meiner Bekannten auf mich zu übertragen, denke ich jetzt in dieser Sekunde schon wieder darüber nach, dass das aber nicht ok ist, hier über meine Erfahrungen und Ängste bzgl. Putzfrauen zu schreiben, denn viele hätten gerne eine Putzfrau, haben aber keine, und nun bin ich vielleicht endgültig eine Eppendorfer Tussi, und herrje, keiner wird mich mehr mögen, wenn das so weiter geht. Und so vergehen kostbare Minuten, in denen ich am Rechner sitze und das Baby schläft. Wundert sich noch wer, wo eigentlich dieses Buch bleibt? Schriftsteller, die es allen recht machen wollen, die sollten vielleicht doch in der Werbung bleiben, denn so viele Drehbuchautoren braucht die Traumschiff-Redaktion auch wieder nicht.)