Montag, 12. Juni 2017

Captain Sharky würde sagen, Wortschwall voraus

Wäre in den letzten Wochen eine gute Fee gekommen und hätte mir einen Wunsch erfüllen wollen, dann hätte ich nicht lange überlegen müssen. Weltfrieden und Weltentspackung mal außen vor: dieses Mal wäre es nichts mit Ausschlafen gewesen. Oder mit Urlaub. Oder mit Spareribs. Dieses Mal hätte ich mir Zeit zum Schreiben gewünscht. Denn wieder mehr zu schreiben, ist seit ziemlich langer Zeit meine große Sehnsucht (wie man an den vielen zweckoptimistischen Posts merkt, die davon handeln, dass ich ab sofort wieder irre fleißig und vor allem regelmäßig posten werde). Dabei geht es gar nicht nur um den Blog, sondern ich habe ein inzwischen vermutlich fast zehn Jahre altes Schreibprojekt, das schon zu kinderlosen Zeiten nicht so richtig in die Gänge kam und jetzt natürlich erst recht nicht. Dabei würde ich wirklich gerne, und zum ersten Mal seit langer Zeit denke ich viel darüber nach - so viel, dass es sich fast wie ein Job anfühlt. Sonntag habe ich einen Podcast gehört, in dem es um ein extrem verwandtes Thema ging, und nachdem das Thema mit viel Bombast angekündigt wurde, habe ich zwanzig Minuten Nägel kauend und kreidebleich zugehört, weil ich dachte, jetzt kommt’s, jetzt nehmen diese Podcast-Heinis mir gleich mein großes Buchtraumthema weg, und das war es dann. (Als Werberin ist man daran leider auch beim hundertsten Mal nicht gewöhnt: da hast Du eine gute Idee, zur Abwechslung mal eine, von der Du einfach genau WEISST, dass sie wirklich, wirklich gut ist, und dann gehst Du damit Klinken putzen, und alle so “ooooch… weiß nicht… mal sehen…” und ein halbes Jahr erfolglosen Klinkenputzens später siehst Du Deine Idee plötzlich von jemand anderem umgesetzt im Fernsehen (im schlimmsten Fall von jemandem, der mal mit im Meeting saß, als davon die Rede war) und alle so “supiiii! SO macht man das! Wieso hast Du nie solche Ideen?”

Und dann ging der Podcast vorüber, und die Idee war eine ganz andere, und ich bin nochmal davongekommen, aber jetzt will ich wirklich mal ran da.
Am Ende ist es doch nur eine Frage der Prioritäten, oder? Was ist mir wichtiger: endlich mal was sinnvolles mit meiner Zeit anfangen oder die Wohnung putzen/Netflix glotzen/irgendwas mit Bärlauch kochen, weil das all die Blogger machen, obwohl ich keinen Bärlauch mag/sticken lernen/100 Rezepte für Eis ausprobieren/Persönlichkeitsverbesserung/mir die Beine und Füße hübsch machen/Gala lesen?

(Ganz so ist es nicht, im Moment schreibe ich z.B. im Stehen, während ich das Baby in der Manduca umgeschnallt habe und von einem Fuß auf den anderen wippe wie der Bi-Ba-Butzemann.)

Jetzt muss ich aber, so lange der Frieden vor meinem Bauch anhält, noch schnell erzählen, was hier so passiert. Nein, ich bin nicht schon wieder schwanger! Das passiert mir nicht noch mal, denn ich möchte mit meiner nächsten Schwangerschaft weder in der Zeitung noch in der Psychiatrie landen. Lasst mich kurz rekapitulieren, wann ich überhaupt zuletzt geschrieben habe… Moment…

Also. Da war ein Haus, auf das wir geboten haben und das wir nicht bekommen haben. Ich war erst skeptisch - beim ersten Mal angucken kam es mir wirklich ziemlich klein und puppenstubig vor, ich finde es hier, wo wir gerade wohnen, einfach großartig, mir graute vor einem Umzug, der Garten war winzig, und alles war so neu und in so tollem Zustand, dass es überhaupt nicht vertretbar gewesen wäre, all das jetzt anders zu machen, nämlich so, wie wir es machen würden. Ich weiß, dass ich mich anhöre wie die dämlichste Zicke weit und breit, aber ich war wirklich nicht so begeistert von den Badezimmerfliesen mit Barbieschimmereffekt oder von der Granit-Grabstein-Arbeitsplatte in der taupe-farbenen Küche, von dem dunkelgrauen Parkett oder von den Bambuswaschbecken. Dann habe ich drüber nachgedacht, habe es mir noch mal angesehen, und dann war ich plötzlich verliebt. In das Viertel, das früher auch mal mein Viertel war, das aber seitdem noch viel schöner geworden ist als damals - mit mehr Bars, Cafés, Spielplätzen, hach - in die Wohnanlage, die Autofreie Zone ist und in der es eine große Wiese gibt, auf der sich jeden Tag alle kleinen Kinder aus der Gegend zum Spielen treffen, einfach so, ohne Verabreden, bis die Eltern aus dem Fenster rufen “Essen kommen!”. In den wenn auch kleinen Garten, der rundum geschützt ist und in den man im Sommer ein Plantschbecken stellen könnte, und fertig ist das Freizeitprogramm. In das winzige Wohnzimmer, in dem die Familie sich zwangsläufig gemütlich auf die Pelle rückt. In die Idee, in einer Wohnung zu leben, in der man jedes Zimmer abschließen kann. In einen Keller mit ausreichend Platz für zweiten Kühlschrank, Waschkram, Papierkram und Wintersachen und auch endlich einen abschließbaren Ort für all das, was die Kinder nicht in die Finger kriegen sollen, von Methyldopa bis Elektromesser. In einfach alles, sogar in die Bambuswaschbecken und Barbiekacheln! Um die mögliche Enttäuschung noch größer zu machen, bin ich von da an fast jeden Tag mit Baby da längsgebummelt - ein bequemer fünfzehnminütiger Spaziergang von hier aus, durch lauter schöne Straßen. Und dann kam die Absage, und seitdem habe ich Immobilienliebeskummer. Ja, ich weiß, eine Runde Mitleid, aber ich will auch kein Mitleid, mir geht’s gut - ich wollte nur eben davon erzählen.

Dann sind da die Jungs, die jeden Tag ein bisschen größer und verständiger und jungs-mäßiger sind. Im Schlaf sehen sie immer noch aus wie Babys, aber wach hören sie Captain Sharky-Hörspiele, lesen Bilderbücher, lassen sich vorlesen und haben seit diesem Sommer auch wirklich Spaß an dem Heidehäuschen meiner Schwiegermutter. Jetzt fängt es nämlich an, all das Schöne, das ich mir zwischen Spritzen und Punktion immer ausgemalt habe: die Jungs, die zwei kleine Koffer voller Triceratopse und Archäopterixe packen - was man halt so braucht. Die sich eine Hütte aus Ästen am Waldrand bauen. Die mit Schwimmflügeln und Wasserpistolen rund um das kleine Schwimmbad fegen. Die Fußball spielen wollen und noch nicht so richtig können, aber nicht aufgeben. Die eigentlich immer draußen sind und nur zwischendurch nass und dreckig angerannt kommen, nur schnell ein paar Kekse mit Milch in den Mund stopfen und wieder verschwinden. Da soll sentimental und traurig werden, dass sie jetzt groß werden, wer will: ich find’s toll.

Dann das Baby, das so dermaßen lieb und freundlich und fröhlich und prima ist - ich dachte früher, das ist Genderquatsch, dass Mädchen pflegeleichter sind. Wir Mütter sollen ihnen einfach von vornherein einprogrammieren, dass von ihnen erwartet wird, im Leben die Erwartungen anderer zu erfüllen und nicht aufzumucken. Jetzt habe ich Klara, mit der ich alles genau so mache wie mit Kalle und Michel, und sie ist nicht halb so laut, nicht halb so anspruchsvoll, nicht halb so schwer zu trösten und nicht halb so… ach, einfach alles. Sie ist tatsächlich ein Baby, das man wach und aufmerksam in sein Bettchen legen kann, und wenn ich fünf Minuten später gucke, ob sie noch atmet, weil ich so gar nichts höre, schläft sie. Ich gehe in einen Rückbildungskurs mit Baby, und wenn ich heimlich (ist ja Yoga, macht man ja nicht) im Spiegel gucke, ob die anderen das vielleicht alle besser können als ich, habe ich leider keine Chance auf ein imaginäres Rückbildungsbattle, denn die anderen turnen nicht mit. Die müssen sich nämlich alle um ihre Babys kümmern, und ich bin der einzige herabschauende Hund.

AUAAAAA, Schreibkrampf! Ok, Blogpause. Ich geh jetzt wohl mal los und kaufe ein bisschen Bärlauch oder so.

Samstag, 29. April 2017

Das Gras ist eindeutig grüner auf dieser Seite des Zauns.

Heute nacht war Klara zwei mal wach, einmal um zwei und einmal um sechs, nachdem sie um zehn eingeschlafen war. (Das Aufwachen um sechs würden Eltern neugeborener Babys vermutlich meist nicht mehr der Nacht zurechnen.) Dann habe ich sie erst im Sitzen gestillt (wie es mir der beim Thema "Plötzlicher Kindstod" extrem engagierte Kinderarzt eingeschärft hat), dann gab es ein schönes Fläschchen mit Medela-Sauger, um auch ja die natürlichen Saugtalente meiner Tochter nicht zu versauen, und dann ging es zurück ins Babybay. (Leserinnen, die die Meldung alarmiert hat, sie würde unter meiner Decke schlafen, können sich entspannen, das tut sie schon lange nicht mehr.) Jetzt schläft sie. Irgendwann demnächst wird sie aufwachen, dann bekommt sie was zu essen, und dann liegt sie manchmal im Säuglingsaufsatz ihres Triptrap-Stühlchens und guckt mir beim Kochen zu, oder wir liegen auf der Spieldecke herum und trainieren unter Aufsicht Bauchlage, oder die Jungs dürfen sie ein bisschen kontrolliert bewundern, oder sie geht in ihre Wippe und ich spiele mit ihren Brüdern. Vielleicht schläft sie auch einfach wieder ein, dann lege ich sie für eine Stunde oder so in den Stubenwagen. Plötzlich scheint die Sonne wieder, die Vögel zwitschern, ihre Brüder sind entspannter (gerade spielen sie mit Knete, und ich muss noch nicht mal im Zimmer sein), zwischen L. und mir seit 24 Stunden kein böses Wort, und sie hat in den letzten zwei Tagen 150 Gramm zugenommen. Den Firmen Hipp und Medela würde ich gerne eine Kiste Wein schicken, vielleicht mache ich das auch noch.

Ich weiß nicht, woran das liegt - aber auch diesmal habe ich wieder erst einen Zustand deutlich jenseits der Schmerzgrenze gebraucht, um diesen Schritt zu tun. Obwohl ich es nach den letzten beiden Malen eigentlich hätte besser wissen müssen. Ich dachte wirklich bis kurz vor Schluss, das klappt bestimmt demnächst mit mir und dem Stillen. Viel mehr dachte ich sogar, ich muss das schaffen. Bevor ich den Schritt gemacht habe, hat sich schon der Gedanke daran immer angefühlt wie eine Niederlage. Und ich verstehe nicht, warum - ich finde doch selbst, wenn es um andere geht, dass wirklich nichts, aber auch gar nichts, schlecht oder faul oder verwerflich oder sonstwie trostpreisig ist an Fläschchen. Und genau wie die letzten Male war dieses klamme Gefühl in dem Moment verschwunden, in dem ich es einfach gemacht habe. Stillen läuft übrigens (auch genau wie die letzten Male) eindeutig besser seitdem. Viel kuscheliger (weil die Jungs nicht mehr sabotieren und ich ausgeschlafener bin, und natürlich das Baby weniger ausgehungert und panisch), und die Milch ist auch nicht weniger geworden. Wieso erzählen so viele, Fläschchen wären der Tod für das Stillen? Ich verstehe das nicht. Und muss wieder mal erleichtert feststellen, dass mein meschuggener Sado-Maso-Exfreund auch hier Unrecht hatte: ich habe wirklich überhaupt kein Talent zur Masochistin.

Donnerstag, 27. April 2017

Hipp Hipp, Hurra

Als ich gestern abend mit meiner brüllenden Tochter im Kinderwagen zum Mädchenabend gelaufen bin, habe ich nachgedacht. Und dann habe ich einen Entschluss gefasst: ab heute füttere ich zu. Dafür gibt es auf Anhieb so viele gute Argumente, dass mir das Argument, von dem vermutlich viele hier denken, es wäre für mich das Wichtigste, erst irgendwann viel später eingefallen ist. Hier ein kleiner Überblick:

1. Mein Baby wird zur Abwechslung mal satt. Sie ist mit 3.250 Gramm zur Welt gekommen, bei der U3 fast fünf Wochen später hatte sie 3.700. Das ist wirklich nicht viel, auch wenn man ihr (wie ihr Kinderarzt) zugute hält, sie wäre eben "der elegante Typ". Ich finde es schwer, hungriges Babygebrüll auszuhalten, vor allem, wenn sie nach vielen, vielen Stunden Dauerstillen immer noch panisch hackt und sucht und einfach nie, nie, nie zufrieden ist.

2. Im Moment verbringe ich täglich ca. 20 Stunden mit Stillen. Das geht nicht. Ich habe schon versucht, mit einem Schnuller dagegen anzugehen - genauer gesagt, mit inzwischen vier verschiedenen Typen von Schnullern. Sie will keinen Schnuller, sie will trinken. Ihr könnt euch leicht ausrechnen, wie viel Zeit mir auf diese Weise zum Schlafen, Essen, Duschen, Aufräumen oder einfach mal Spaß haben bleibt, auch wenn ich zugeben muss, was Netflix-Serien angeht, bin ich gerade auf dem allerallerneuesten Stand.

3. Noch viel wichtiger als Aufräumen usw. ist aber, dass ich für Kalle und Michel im Moment überhaupt keine Zeit habe. Aus der Kita kommen schon erste Beschwerden, die Jungs wären ja völlig durch den Wind. Ihre Mama gibt es jetzt nur noch mit kleinem Anhängsel am Oberkörper, auf dem Boden sitzen und spielen, kuscheln oder toben ist nicht mehr, auch wenn ich das ständig verspreche: "Gleich bauen wir eine Burg, ich muss nur hier noch schnell..." und dann sind wieder 20 Stunden des Tages einfach weggesaugt.

4. Die Jungs drehen nicht nur in der Kita durch, sondern auch zu Hause. Und was soll ich sagen: so richtig schön, harmonisch und innig kann das Stillerlebnis auch für Klara nicht sein, wenn Mama dabei zunehmend in Stress und Panik gerät und brüllt "Kalle, nicht da hoch! Michel, stell das hin! Hör auf zu beißen! Kalle, nicht hauen jetzt! Lieb sein! Michel, nicht mit Sachen werfen! Wehe! Ich zähl jetzt bis drei!" Usw. usf. Nicht nur, dass ihre Mutter nicht mehr zur Verfügung steht, ihre Mutter ist auch zu einem Psychowrack geworden. Und alles, seitdem die kleine Schwester auf der Welt ist. Na, haben wir da die Grundzutaten für eine harmonische Geschwisterbeziehung versammelt? Haben wir, oder?

5. Schlaf. Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für Klara.

6. Den ganzen Krempel (Flaschen, Sterilisiergerät...) hab ich sowieso schon hier herumstehen.

7. Ich höre nicht auf zu stillen, sondern es gibt nur ab sofort mehrmals täglich nach dem Stillen auch ein Fläschchen. Es sei denn, ich habe etwas getrunken oder ein halbes Kilo rohe Zwiebeln gegessen, dann können wir auch mal eine Nacht nur mit Flaschen überbrücken.

8. Ich erinnere mich noch dunkel an die letzten beiden Male, als der Stillkrampf in dem Moment deutlich milder wurde, als ich mich entspannt und mir mit Fläschchen geholfen habe.

9. L. kann sie auch mal füttern. Verdammt noch mal, die Jungs können sie auch mal füttern (unter Aufsicht natürlich). Und Mamas Soloprogramm ist damit beendet. Es wird höchste Zeit, dass Klara auch den Rest der Familie mal kennen lernt.

10. Ich kann auch mal ohne Baby los.

Hätte ich noch einen letzten Anstoß gebraucht, dann war es der Heimweg vom Mädchenabend zwei Stunden später und diese Nacht. Nachdem ich sie auf der Mädchencouch weitere zwei Stunden gestillt habe, habe ich sie irgendwann eingepackt und bin nach Hause gefahren. Auf dem Weg hat sie bis drei Häuser vor unserem Eingang durchgebrüllt. Dann war sie gerade lang genug eingeschlafen, um in die dunkle Wohnung zu kommen, in meinen Schlafanzug zu steigen und mich abzuschminken. Und dann hat sie bis drei Uhr früh weiter getrunken, während ich zunehmend verzweifelt bin. Babys sind eben manchmal so, ich weiß, aber wenn eine Lösung so klar auf der Hand liegt, sollte man sie zumindest mal ausführlich ausprobieren.

Gerade habe ich ihr die erste Flasche gemacht. Sie hat vier Schlucke genommen, dann hat sie mich zum ersten Mal angelächelt (Ich weiß. Ich würde einem Werbetexter auch nicht trauen, der mir so einen Babynahrung-Vignettenfilm-Klischee-Schmuh erzählt. Aber so ist es gewesen, genau so.) und ist dann eingeschlafen.

Donnerstag, 6. April 2017

Das Baby schläft. DAS BABY SCHLÄFT!

Von all den Dingen während der Babyzeit von Kalle und Michel, die mir damals unvergesslich erschienen, habe ich jetzt schon große Teile vergessen. Bis sie sich in Déjà-vu-Form wieder melden und auf einmal wieder ganz klar vor mir stehen. Zum Beispiel die einzigartige Art, wie sich jeder Zustand mit Baby anfühlt wie "Für immer", während er in Wahrheit das genaue Gegenteil ist - selten ändert sich das Leben so komplett innerhalb so kurzer Zeit, und das immer wieder, wie mit Baby. Noch vor drei Tagen hatte ich ein Baby, das große Teile des Tages verschlafen hat: im Kinderwagen, im Stubenwagen, bäuchlings auf der Spieldecke, in meinem Arm, im Bett seiner Brüder. Jetzt schläft sie praktisch nie, außer, sie hängt auf meinem halbnackten Oberkörper. Ich weiß, dass es sicherer ist, sie in den Babybay zu legen, aber im Moment muss ich die Nächte in einem halbalarmierten Zusammenzuck- und Dämmerzustand verbringen, denn sie schläft wirklich nur, wenn sie unter meine Decke darf.

Aber jetzt! Jetzt gerade schläft sie, und nachdem ich gerade schon einmal mit dem Bulldozer durch die Wohnung gefahren bin, meine Hühnerflügel im Ofen sind, der Duft von Thymian den Raum erfüllt und die Waschmaschine läuft, kann ich tatsächlich am Rechner sitzen und posten. Es ist nicht zu fassen! Eigentlich müsste ich die Flasche Sekt aufreißen, die für den Babybesuch nachher kalt steht, aber irgendwas war da... irgend ein Grund, warum das nicht geht... nee, fällt mir nicht ein. Ist das schön ruhig hier!

Trotz großer Freude über die kleine Babypausenpause muss ich noch mal schreiben, wie verliebt ich in dieses kleine Mädchen bin. Ich war nie ein Babymensch, jetzt bin ich einer. Dass sie das geschafft hat, will einiges sagen, kennt ihr "Monsters Inc." und damit auch den Boo-Effekt? So ungefähr. Ich bepeste meine Freundinnen täglich mit Fotos per What's App, ich kaufe klitzekleine Sachen für viel zu großes Geld, ich streichle so oft über diesen weichen kleinen Kopf mit den roten Haaren, dass bald vermutlich kreisförmiger Haarausfall entsteht, und ich wünsche mir nichts mehr als Zeit in Ruhe allein mit ihr. Heute morgen hatte sie wieder nichts in der Windel, gestern auch den ganzen Tag schon nicht, und bis der Kinderarzt mich zurück gerufen hat und mir alles über den Babydarm und seine Entwicklungsschübe erklärt hat (der Ärmste hat noch keine Ahnung, was in den nächsten Wochen auf ihn zu kommt), hatte ich den schlimmsten Film der Welt im Kopf. "Ist die jetzt eine von denen?" Ja, die ist jetzt wohl eine von denen. (Vielleicht bin ich altersgerecht jetzt aus der gefühlt etwas vermurksten Mütter- direkt in die Großmütter-Phase geglitscht, und daher die neue Fürsorglichkeit und Entspannung? Wer weiß...). Übrigens setzt sich das Schema aus der Schwangerschaft nahtlos fort in die Babyzeit: es gibt da draußen zu garantiert jeder Frage einer Babymutter eine Seite, die auf den ersten Blick ganz fürsorglich und seriös wirkt, und die trotzdem dringend rät, mit genau diesem Pups unbedingt sofort in die Notaufnahme zu fahren, denn dahinter kann eine schwere, lebensbedrohliche und fast unweigerlich schwerste Behinderungen oder Verderben nach sich ziehende Krankheit stecken.

Wartet mal, war da was?

Da war was.

Kommt die schon wieder an mit ihrem Frauenbild in Bilderbüchern, die soll sich mal locker machen

Mittwoch, 5. April 2017

Jedenfalls:

Und das kam so. Am 20. März bin ich morgens aufgewacht, ins Bad geschlufft und... nee. Irgendwie wird das hier zu eklig. Lasst mich also einfach nur schreiben, dass etwas passierte, was mir das deutliche Gefühl gab, innerhalb der nächsten 24 Stunden wäre es so weit. Was genau, bleibt mein kleines Geheimnis. Kommt schon, auch Blogger wollen ab und zu noch etwas für sich behalten! Also. Zwar hatte ich seit inzwischen 14 Tagen fast jeden Tag zu L. gesagt, nun würde es aber bald los gehen, aber an diesem Tag habe ich ihm gesagt, jetzt wäre ich wirklich, wirklich sicher. An diesem Tag hatte ich noch einen Kontrolltermin bei meiner Frauenärztin, die aber noch nicht aus dem Häuschen war - vielleicht würde es heute losgehen, vielleicht auch in einer Woche, wer weiß? Aber ich trug an diesem Tag meinen dicken Bauch mit dem Flair einer diesmal wirklich ernst gemeinten Abschiedstournee durch Hamburg und musterte ihn vor dem Schlafen gehen noch mal fast wehmütig und ausführlich im Spiegel - immerhin war ich diesmal wirklich sicher, zum letzten Mal so dick zu sein (es sei denn, meine Fresssucht gewinnt doch noch die Oberhand).

Dann war es Nacht, neben mir schlief Kalle tief und fest, und im Flur stand stumm und trotzdem plötzlich sehr präsent die Kliniktasche.

Gegen elf fing es an zu zwiebeln. Ich holte mein Telefon aus der Küche, aktivierte die Stoppuhr und wartete. Die ersten drei Wehen waren jeweils ungefähr fünfzehn Minuten auseinander. Dann kamen zwei Wehen, die waren zwölf Minuten auseinander. Ich weckte L. und schlich ins Bad, um noch ein letztes Mal zu duschen. Unter der Dusche - nichts. Nach der Dusche - nichts. Als die nächste Wehe kam, war die letzte fast 26 Minuten her. Na toll, dachte ich - Übungswehen. Jetzt ziehe ich meinen Schlafanzug wieder an und gehe schön zurück ins Bett. Die nächste Wehe kam fünf Minuten nach der letzten und heftiger als alle vorhergehenden zusammen. Da habe ich beschlossen, meinen bekloppten Körper der Medizin zu vermachen, mich dann doch schnell wieder angezogen und ein Taxi gerufen. L. hat noch versucht, seine Mutter aus dem Bett zu holen, die aber schon tief und fest schlief. Also habe ich den treuen Dufflecoat mit dem gesprengten untersten Knopf noch einmal angezogen, meine Kliniktasche gepackt und bin in mein Taxi gestiegen. Der Taxifahrer war entgegen der in Filmen verbreiteten Geburt-im-Taxi-Romantik überhaupt nicht angetan davon, eine kurz vor der Niederkunft stehende Frau zu fahren, ihn gruselte es gewaltig (mich auch, da hatte ich also vollstes Verständnis für). Entsprechend ließ er mich irgendwo auf dem Klinikgelände raus. Inzwischen waren die Wehenabstände bei drei Minuten, und bis ich im Kreißsaal ankam, hatte ich noch vier davon gehabt. Trotzdem zeichnete das CTG erst mal gar nichts auf, und ich hatte schon Angst, ich müsste wieder gehen - aber die Hebamme guckte sicherheitshalber nach, und da war ich bei acht Zentimetern. (Damen, die noch in der Abkürzungsphase sind - das ist viel.) Es war zu spät für eine PDA, ich schlüpfte in eins dieser pastellfarbenen Größe-58-Kliniknachthemden, und wir gingen unter Fauchen und Brummen in den Kreißsaal. Wie sich herausstellte, war es nicht nur zu spät für eine PDA, sondern auch für Lachgas, auf das ich mich schon so gefreut hatte - das Gerät muss nämlich eine geraume Zeit vorglühen, und auch dafür war nun leider keine Zeit mehr. Also versuchten wir, es mir auf andere Art nett zu machen - im Stehen am geknoteten Tuch, auf dem Gummiball und im Laufen. Ich will hier niemandem Angst machen, aber so richtig gemütlich wurde es nicht dabei, und am Ende war ich den Zirkus auch leid und wollte zurück auf die Liege. Inzwischen hatte ich zwar Wehen, die das CTG auch aufzeichnete, aber die hatten irgendwie keine Kraft - also presste ich einfach "trocken", wann immer mir danach war. Mir war leider nicht sehr danach, denn Geburtsschmerzen haben diese scheußliche Art, einen aus dem eigenen Körper vertreiben zu wollen - so geht es jedenfalls mir jedes Mal. (Habe ich gerade "Jedes Mal" geschrieben? Habe ich.) Ich weiß genau, ich müsste mich richtig reinhängen - als müsste man sich einen rostigen Nagel erst durch den ganzen Fuß jagen, um ihn wieder loszuwerden. Aber etwas Kräftiges in mir sträubt sich dagegen und wäre am liebsten ganz weit weg. Gegen diesen Fluchttrieb anzugehen, fordert aber schon so ziemlich alles, was ich habe - und mich dann noch dazu zu kriegen, den Mund zuzulassen, alle verbliebenen Kräfte zu sammeln und nach unten zu pressen, ist nicht leicht. Die Hebamme wollte mich irgendwann zusätzlich motivieren, indem sie mich dazu brachte, mit der Hand den Kopf des Kindes zu berühren - und damit bekam die ganze Szene jetzt noch eine Alien-artige, wirklich wirklich WIRKLICH fiese Dimension, in der noch einmal alles kulminierte, was mir die letzten sieben Monate lang fremd, merkwürdig und surreal vorgekommen war.
Und dann war sie da. Und jetzt ist alles gut. Seit diesem Moment - am 21.3. im 2:14 im Kreißsaal 3 des UKE eigentlich fast ununterbrochen. Obwohl inzwischen Schlaflosigkeit, Eifersüchteleien unter den Brüdern und dergleichen mehr Einzug gehalten haben - ist trotzdem alles gut. Ein feines Mädchen haben wir da. Hätte ich das mal gewusst!

Andererseits hätte ich es vermutlich einfach nicht geglaubt.

Montag, 27. März 2017

Angekommen.

Ich dachte, vielleicht kommt sie an, und alles ist genau so schrecklich, wie ich es mir nachts zwischen zwei und fünf ausmale, und dann ist alles vorbei. Ich dachte auch, ich habe jetzt sieben Monate lang irgendwie keinen Bezug zu diesem Kind in meinem Bauch bekommen, die legen sie mir auf den Bauch, und nichts. Wenn ich an sie dachte, dachte ich manchmal erschreckenderweise wohl vor allem ans Hinkriegen (oder nicht). Wie soll das alles werden?

Viel schöner, als ich mir das jemals vorgestellt hätte. (Von der Idee, eine sehr lebhafte Vorstellungskraft zu haben, muss ich mich wohl kleinlaut verabschieden.)

Klara ist da, geboren am 21.3. um 2:14 im UKE, und seitdem bin ich in eine Hippiwolke aus Babyglück eingehüllt. Es geht ihr gut, sie ist ein rundum wunderbares, rosiges und freundliches Baby. Sie trinkt und schläft und trinkt und schläft, und dazwischen macht sie auch mal ihre kleinen Augen auf und guckt sich um, und es scheint ihr zu gefallen, was sie dabei so sieht, denn dann huschelt und nuschelt sie kurz und schläft weiter. Ich kann mich kaum lang genug davon losreißen, sie anzusehen, um euch schnell zu schreiben. Wie das genau war mit der Geburt, erzähle ich in den nächsten Tagen (keine Angst, sie schläft so viel, das kriege ich hin). Und alles andere auch. Und es tut mir leid, dass ich nicht im Krankenhaus schon gepostet habe, aber nachdem mir damals mein Iphone auf den drei Tage alten Michel gefallen war mit Riesenbeule und noch schlimmeren Riesenschuldgefühlen (und sich jedes Gefummel mit technischen Geräten sowieso angefühlt hätte wie ein Sakrileg) habe ich es diesmal lieber gelassen und mich einfach still, offline und für mich an meinem Baby gefreut. Jetzt sind wir zuhause, meine Mutter hilft uns, möglichst leicht und gelassen in unseren Alltag zu fünft mit Hund zu glitschen, und plötzlich ist Frühling und die Sonne scheint. Alles ist gut. Vielen Dank, liebe Abkürzungsdamen, für's Mitfiebern und Daumen drücken: es hat funktioniert.


Sonntag, 19. März 2017

Nur, falls sich eine fragt

Jeden Morgen fragt L. "Immer noch kein Baby?", und jeden Morgen grunze ich irgendwas und verschwinde ins Bad. Dabei ist die Wahrheit, ich bin froh, wenn es nicht nachts losgeht. Denn sollte ich nachts so gegen zwei von Wehen geweckt werden, dann kommt das Kind irgendwann in der Morgendämmerung, und bis ich dann genäht (vermutlich) und mit Kind in Strampler und Schlafsack in einem Zimmer bin, ist der Krankenhaustag in vollem Schwung, und dann darf ich die nächsten zwei-drei Monate eine fehlende Nacht vor mir herschieben wie ein müder kleiner Bulldozer, denn dass man das im Krankenhaus niemals aufholt, weiß jeder, der da schon mal war. In einem Zimmer auf der Wochenstation kommen im Laufe des Tages (teils mehrfach): Frauenarzt, Kinderarzt, Schwester, Hebamme, Stillberaterin, Blumentante, Fototante, Putzfrau, die Frau, die wissen will, was man nachher essen möchte, die Frau, die das Essen bringt und die, die hinterher das Geschirr abholt, und der Besuch. Und das alles mal zwei, denn da ist ja noch eine zweite Dame mit Baby im Zimmer. Dazu kommen die kleinen Würmer, die ich vermutlich zuerst hätte nennen sollen, was bin ich denn bitte für eine Mutter?, aber das haben die meisten sich ja sicher schon immer gedacht, die Würmer jedenfalls, die nach ihrem Ritt aus dem Bauch den einen oder anderen Pups quer sitzen haben und sich auch erst zurecht ruckeln müssen in dieser komischen Welt, die außerdem frische Windeln brauchen und Milch, die aber auch nicht immer so kommen will, wie sie soll - eigentlich ist kaum zu fassen, wie das alles in 24 Stunden passen soll, und dann noch erholsame und kuschelige Nickerchen für Mütter und Babys - nee, die sind nun wirklich nicht drin.

Jedenfalls, immer noch kein Baby.

Freitag, 17. März 2017

Wir binden uns ein Warteschleifchen.

Es gab mal Zeiten, da war ich besser im Training, was Warten angeht. So ungefähr von Februar 2009 bis Juli 2013, würde ich sagen. Inzwischen sind die Wartemuskeln ungefähr so stramm wie der Beckenboden, und ich kann das einfach nicht mehr besonders gut. Vorgestern war der Stichtag, den ich mir ausgerechnet habe, und in drei Tagen ist der, der im Mutterpass steht. Aber die Stichtage sind gar nicht so wichtig, viel irrer macht mich, dass es sich diesmal wirklich seit ungefähr zwei Wochen so anfühlt, als würde es in der nächsten Stunde los gehen. Jedes Mal, wenn ich unter die Dusche steige, denke ich, immerhin komme ich gleich frisch geduscht in den Kreißsaal. Jedes Mal, wenn ich etwas esse, frage ich mich, ob das für peinliche Zwischenfälle bei der Geburt sorgen könnte, und meine letzte Mahlzeit mit Pilzen, Zwiebeln oder Kohl vor der unmittelbar bevorstehenden Stillzeit habe ich inzwischen ungefähr zwanzig Mal zu mir genommen. Das dritte Kind! Ich sollte lässiger sein. Bin ich aber nicht.

Und das hier ist Warten für Fortgeschrittene: Ich warte auf etwas, das aller Erfahrung nach schweineweh tun wird, und hab keine Ahnung, wie es ausgeht. Ist das Kind knallgesund und munter, und ich kann nach der Geburt über all die Sorgen aus den letzten Monaten nur noch lachen? Werden meine schlimmsten und irrationalsten Ängste wahr? Kriegen wir das hin? Wieso dauert das so lange? Kann es noch ein bisschen länger dauern bitte? Oder kann ich es bitte schon hinter mir haben?
Nicht nur Fusselhirn, sondern auch Quengelliese. (Ein klitzekleiner Teil von mir freut sich sogar ein bisschen darauf, für zwei-drei Tage zuhause aus allem raus zu sein. Dieser klitzekleine Teil wird in den nächsten Tagen noch ziemlich blöde aus der Wäsche gucken, denn die anderen Teile von mir erinnern sich noch sehr lebhaft an den nicht vorhandenen Erholungsfaktor von ein paar Tagen auf der Wochenstation.)

Ach Töchterchen, geht's Dir gut da drin?
(Wie es mir hier draußen geht, weiß ich beim besten Willen nicht mehr.)

Sonntag, 12. März 2017

Eine sehr unsortierte Auswahl einiger Dinge, die ich gerade nicht verstehe.

1. Mein erster Freund K. wohnte noch zu Hause, als wir zusammen waren (wie man das mit 17 so macht). Seine Mutter kochte ganz anders als meine. Kam z.B. die Verwandtschaft zu Besuch, dann kochte sie nicht, wie man sich das so vorstellen würde von einem ländlichen Haushalt, einen großen Braten mit ein paar Beilagen und hinterher Torte, sondern sie machte Schnitzel, Bratwürste, eine Sauce mit Fleischklößchen, Braten, einen Fleischkäse vom Metzger, Frikadellen und vielleicht auch noch Koteletts. Dazu gab es dann Reis, Nudeln, Spätzle, selbstgemachte Semmelknödel und noch ganz, ganz viel anderes. Die Verwandten fanden's supi. Bei uns zuhause gab es Mailänder Käserouladen, Wirsingauflauf, Fisch mit Senfsauce und vielen Kräutern und Badische Porreesuppe. Das war auch alles sehr lecker, aber eben anders lecker. In Mutter K.s Küche spielten Brühwürfel und Fondor eine wichtige Rolle, und in vielen Fällen war das überhaupt kein Fehler. Ihr Prunkgericht war eine Kartoffelsuppe, zu der es Apfelpfannekuchen gab. Ich habe bestimmt vier mal zugeguckt, wie sie die Suppe macht, und es mir zwölf mal mehr erklären lassen. Trotzdem kriege ich sie heute nicht hin. In die Suppe kommen Kartoffeln, Suppengrün, Petersilie, Brühwürfel, Zwiebeln und Dosenpilze, so viel ist klar. Vielleicht noch Majoran? Keine Ahnung. Bei den Apfelpfannekuchen bin ich am Ziel, die schmecken genau wie ihre. Aber diese Kartoffelsuppe entzieht sich mir jetzt seit zwanzig Jahren, so lange nämlich, wie ich schon nicht mehr mit K. zusammen bin und nicht mehr an Mutter K.s Tisch gesessen habe. So schwer kann's doch nicht sein! Kann es doch. Warum, verstehe ich nicht. Heute starte ich jedenfalls den nächsten, ca. zweiunddreißigsten Versuch.

2. Viele regen sich auf über das fiese Frauenbild aus Modelshows und Modestrecken. So dünn ist im wirklichen Leben keine Frau, da werden Zwänge und schrecklich komplizierte Krankheiten erzeugt, eine ganze Generation von Mädchen ist unzufrieden mit ihren im Grunde völlig okayen Körpern usw. Ich konnte mich darüber nie so richtig aufregen, muss ich zugeben, vielleicht bin ich erstens zu wenig anfällig für Essstörungen und zusätzlich auch noch so haarsträubend egozentrisch, dass ich mir das noch nicht mal vorstellen kann, was das mit anderen machen kann. Aber worüber ich mich in letzter Zeit sehr oft schrecklich aufrege, ist das Frauenbild in Bilderbüchern. Und wie! Ihr solltet mich sehen. Kein Wunder, dass meine Frauenärztin sich Sorgen um meinen Blutdruck macht und ich inzwischen bei sechs Methyldopa täglich bin. Bobo Siebenschläfers Mutter z.B.: Bobo schmeißt seinen Kakao vom Hochstuhl, und ehe du piep sagen kannst, ist Mutter Siebenschläfer lächelnd auf den Knien und wischt das weg. Zum Geburtstag bekommt sie eine Torte, die Bobo durch Rumhüpfen geplättet hat (wieso, wieso darf die kleine Wurst die Torte tragen? Wieso?) und freut sich natürlich so recht von Herzen. Bobo schließt sie ein und weigert sich, wieder aufzuschließen, und nachdem das Problem mit Lächeln nicht zu lösen ist, klettert sie eben aus dem Fenster, lächelnd natürlich. Dann die Kinder in der Wanne. Kinder in der Badewanne in Bilderbüchern können gar nicht anders, die setzen immer das ganze Bad unter Wasser. Man bekommt das Gefühl, das muss so sein, wenn hinterher noch Wasser in der Wanne ist, dann hat man was falsch gemacht. Die Mütter wischen und lächeln. Diese Bücher sind nicht von 1957, sondern von jetzt. Ich wünsche mir genau so wenig die Lindenstraße in Kinderbuchform, aber ein bisschen mehr Realität? Kann sein, dass die Teen Vogue oft von noch nicht komplett ausgeformten Charakteren gelesen wird, die sich viel zu leicht beeinflussen lassen, aber was ist mit Bilderbüchern? Wieso regt sich da niemand auf? Ich rede nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Millionen von Müttern, die überall auf den Sofas sitzen, das Bilderbuch in den Händen und den Kopf voller Schuldgefühle und Unsicherheit, und dann erklärt das Bilderbuch, wie's gemacht werden soll: lächeln. Wischen. Niemals schimpfen. Niemals die Nase voll haben oder wütend werden. (Es gibt eine ganz tolle Ausnahme, nämlich Willi Wiberg. Willi lebt bei seinem allein erziehenden Vater, was aber bisher kein Thema war, und es kommt tatsächlich vor, dass Papa müde ist oder lieber die Zeitung lesen will, als mit Willi zu spielen. Er wird allen Ernstes auch mal sauer, z.B. als seine Lieblingspfeife weg ist. Trotzdem ist das ein toller Papa, der erzählt und erklärt und ganz viel versteht und richtig macht. Hurra für Papa Wiberg!) Es ist, als hätten die Bilderbuchautoren Angst, es sich mit ihrer Leserschaft zu verscheißen, wenn die Mütter und Väter auch nur das geringste Hindernis in einer kunterbunten Welt voller Phantasie und Überschwemmung und Schokoladenschlachten darstellen. Wieso? Keine Ahnung. Ich dachte in letzter Zeit bei der Lektüre von Büchern für Dreijährige öfter an "The Veldt" von Ray Bradbury, eine der gruseligsten Kurzgeschichten aller Zeiten. Z.B. hier kann man sie lesen.

3. Warum knarren immer die Dielen im Flur vor dem Kinderzimmer am lautesten? Würden wir das Kinderzimmer verlegen, würde das Knarren mit umziehen, da bin ich sicher.

4. Ich bekomme noch ein Kind. Was gibt es da nicht zu verstehen? Auch das verstehe ich nicht, sehe ich doch jedes Mal meinen gigantischen Bauch, wenn ich an mir runtergucke. Tritt mich das Kind doch jeden Tag nach Kräften. Stapeln sich hier doch inzwischen wieder die Pakete mit Sterilisiergerät, Babyaufsatz für den Kinderwagen, Babykindersitz und Pre-Milch. Hocke ich doch ständig auf dem Boden, gucke mit einem Auge Barnaby und sortiere mit dem anderen Babywäsche in passende Haufen und Körbe. Liege ich doch dauernd bei meiner Frauenärztin herum und habe diese ulkigen CTG-Geräusche im Ohr. Habe ich doch einen ET, der ständig näher rückt, und miese Übungswehen, um es zu beweisen. Die Kliniktasche steht im Flur, die Familie sitzt auf glühenden Kohlen, L. und ich führen hitzige Diskussionen über Vornamen und all das. Trotzdem will es nicht so richtig ankommen in meinem Fusselhirn. Vielleicht, weil es mir immer noch Angst macht, was die ersten Discowochen mit dem Würmchen gemacht haben könnten. Vielleicht, weil ich das immer für ein Gerücht gehalten habe, diese Talkshow-artigen Schwangerschaften von Frauen nach IVF und in fortgeschrittenem Alter. Vielleicht, weil ich mir überhaupt noch nicht vorstellen kann, wie das alles werden soll.
Aber keine Angst: erstens baue ich auf die aufrüttelnde Wirkung einer weiteren Geburt. Und zweitens auf Babygeruch und Huscheln an meiner Schulter und Stillen und all das. Das Sein bestimmt das Bewusstsein: da hab ich immer schon dran geglaubt. Und genau so, wie mein innerer Realitätsverlust mich nicht von der äußeren Anschaffung des notwendigen Babykrempels abgehalten hat, wird er mich davon abhalten, auch dieses Würmchen fest im Arm zu halten und mich um es zu kümmern, wenn es da ist. (Oder? Wird er doch nicht?)

5. Kleine Jungs und Dinosaurier.

6. Wo kaufen eigentlich die Kandidatinnen aus dem "Bachelor" ihre Kleider? So ein Geschäft hab ich glaube ich noch nie gesehen.

7. Bei all dem Bluthochdruck, der damit einhergehenden Beklemmung, dem Geächze und Gefauche bei jedem Bücken und Aufstehen und all dem ist mein Fusselkörper in manchen Dingen überraschend freundlich zu mir. Z.B. ist in dem Moment, in dem Rasieren wirklich schwierig werden würde, von Epilieren wollen wir gar nicht reden, kein Härchen mehr an meinen Beinen gewachsen. Das ist doch nett! Verstehen kann ich es trotzdem nicht, ich hab von diesem Phänomen noch nie gehört und kann mich auch nicht erinnern, ob das die letzten beiden Male auch schon so war.